Liebe Leserin und Leser!
„Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ (Hebr 13,3)
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,24)
Zwei kurze Sätze. Sie begleiten uns als Monatssprüche für Juni und Juli. Zwei Sätze, die es in sich haben.
Der Hebräerbrief ruft uns in eine Haltung des Mitgefühls: nicht aus der Distanz, sondern so, als wären wir selbst betroffen. Amos hingegen spricht mit der „Wucht“ eines Propheten: Gerechtigkeit soll nicht punktuell auftauchen, sondern fließen – stetig, unaufhaltsam, lebensbejahend. Beides gehört zusammen. Wer an Gefangene denkt in Russland, der Ukraine, im Iran, …, wer das Leid anderer nicht verdrängt, sondern an sich heranlässt, der wird die Sehnsucht nach Gerechtigkeit nicht mehr los. Und wer Gerechtigkeit ernst nimmt, wird hinschauen, wo Menschen übersehen, benachteiligt, vergessen werden.
In unserer Welt sind „Gefangene“ nicht nur die hinter Gittern. Es sind auch die, die in Einsamkeit gefangen sind, in Krankheit, in Armut oder in Situationen, aus denen sie keinen Ausweg sehen. Der Hebräerbrief lädt uns ein, unsere Komfortzone zu verlassen und innerlich mitzugehen aufmerksam, mitfühlend, verbunden.
Amos geht noch einen Schritt weiter: Er erinnert uns daran, dass echter Glaube ohne gelebte Gerechtigkeit leer bleibt. Gottesdienst und Alltag gehören untrennbar zusammen. Das Recht soll strömen – nicht als seltenes Ereignis, sondern als beständige Wirklichkeit, die unser Handeln prägt, auch im Alltag.
Vielleicht beginnt das ganz klein: ein Anruf, ein Besuch, ein offenes Ohr. Vielleicht auch darin, dass wir nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht, sondern unsere Stimme erheben.
Wo Mitgefühl und Gerechtigkeit zusammenkommen, da wird etwas von Gottes Reich sichtbar.
So lassen uns diese Worte nicht in Ruhe – und das ist gut so. Sie erinnern uns daran, dass wir miteinander verbunden sind und dass Gottes Gerechtigkeit durch uns hindurch in diese Welt fließen will, damit diese Welt friedlicher wird!
Ihr/Euer York Schön